Nicht nur die Verirrung eines kleinen Zirkels

Posted by By at 31 October, at 02 : 42 AM Print

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Kinder schauen beim Geschlechtsverkehr zu

ZEIT ONLINE: Ihre Eltern gehörten der 1968er-Generation an. Was haben Sie in der Familie und im Kinderladen erlebt?

Dannenberg: Ich habe viele Freunde, die davon erzählen, wie aufdringlich ihre Eltern über Sex redeten und wie sie den ewig knutschenden Erwachsenen zuschauen mussten. Ich habe es noch härter erlebt. Als ich etwa vier war, habe ich entsprechende Fragen gestellt und meine Eltern waren der Ansicht: Na, dann guck doch mal zu. Ich musste mir ihren Geschlechtsverkehr ansehen. Beim Elternabend im Kinderladen haben sich die Väter und Mütter stolz erzählt, wie sie ihre eigene Bürgerlichkeit überwunden haben. Eine Mutter erzählte zum Beispiel, wie ihr Sohn sie unter ihrer Anleitung nackt untersucht hatte. Sie hat ihn einen Stift in die Vagina einführen lassen. Diese Eltern waren nicht pädophil, sie wollten nicht ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen, sondern sie glaubten, im Umgang mit Kindern ihre eigenen instinktiven Hemmungen überwinden zu müssen, die sie mit Verklemmtheit verwechselten. Wenige Jahre später war es den meisten möglicherweise peinlich.

ZEIT ONLINE: Können Sie mit Ihren Eltern darüber reden?

Dannenberg: Nein, ich habe das angesprochen, als ich 17 war, und dann noch einmal vor einigen Jahren. Sie konnten nicht darüber reden. Ich versuche, Verständnis für sie zu haben. Locker sehe ich das aber nicht.

ZEIT ONLINE: Warum melden sich so viele Opfer, die in der Odenwaldschule oder in katholischen Institutionen missbraucht wurden, aber kaum welche, die dasselbe in Pädophilengruppen erlebt haben oder im Kinderladen?

Dannenberg: Ich denke, die meisten Kinder aus der Kinderladenszene der siebziger Jahre waren so jung, dass sie sich oft gar nicht erinnern. Ich kenne ein Mädchen, das in einer Kommune missbraucht wurde – sie hat daran keine persönlichen Erinnerungen, es gibt nur die schriftlichen Protokolle der Erwachsenen. Außerdem werden viele Eltern wie meine bald wieder damit aufgehört haben.

Der Missbrauch, den Kinder und Jugendliche in den Pädophilen-Gruppen erlebt haben, ist jedoch etwas grundsätzlich anderes. Diesen Tätern kann man keine ideologische Verwirrung unterstellen, sondern sie haben sich bewusst an Kindern vergangen. Ich hoffe, dass bald jemand den Mut findet, öffentlich darüber zu reden. Und dass sein Beispiel dann Schule macht.

http://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2013-08/dannenberg-paedophilie/seite-2

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